Milchmädchenrechnung

Mit der Redewendung Milchmädchenrechnung (in der Schweiz auch Milchbüchleinrechnung) bezeichnet man abfällig eine (möglicherweise bewusst gewählte) zu einfach aufgebaute Argumentation bzw. Begründung, obwohl das Problem eine komplexere Betrachtung nötig hätte. Die Folge sind oft falsche Ergebnisse.

Beispiele und ähnliche Redewendungen

  • “Er macht es sich in seiner Berechnung viel zu einfach. Das ist eine Milchmädchenrechnung, damit er scheinbar Recht hat.”
  • “Ohne belastbare Daten können wir das Problem nicht lösen. Alles andere wäre derzeit nur eine Milchmädchenrechnung.”

Wer kennt es nicht? Inmitten einer hitzigen Diskussion kommt es öfters vor, dass die hervorgebrachten Argumente oftmals nicht so logisch sind, wie er oder sie es gerne hätte. Nur zu oft denkt man zwar an das Sprichwort “Wer denken kann, ist klar im Vorteil”, aber oftmals werden bestimmte Aspekte einfach unter den Tisch gekehrt. Das ist dann zwar oft eine Milchmädchenrechnung – aber wen stört es, solange man Recht hat? 😉

Interessant dabei: Es gibt keine geläufigen Übersetzungen dieses Begriffs. Und generell liegt die Geschichte des Sprichworts ein wenig im Dunkeln.

Woher stammt der Begriff der Milchmädchenrechnung?

Diverse Quellen – darunter auch der Duden – stufen die “Milchmädchenrechnung” als eines der eher seltenen französischen Sprichwörter, die es ins Deutsche geschafft haben, ein. Der Ursprung geht zurück auf den in Frankreich sehr bekannten Schriftsteller Jean de la Fontaine (1621-1695), der mehrere Fabeln verfasste. Darunter befindet sich auch “La Laitière et le Pot au Lait” (“Die Milchfrau und die Milchkanne”), die 1678 erschien. Sie erzählt die Geschichte von dem Mädchen Perrette, das sich auf dem Weg zum Markt macht, um Milch zu verkaufen.

Sie fantasiert bereits vorher darüber, was sie mit dem Gewinn machen wird und was sie sich davon kaufen könnte. Aber dann verschüttet sie die Milch. Obwohl der Begriff der Milchmädchenrechnung nie fällt, sehen viele in dieser Geschichte den Ursprung.

Einen völlig anderen Ansatz, der eigentlich gegensätzlich zur negativen Konnotation läuft, präsentierte das Monatsmagazin NZZFolio im Januar 1999, als der Begriff “Milchmädchenrechnung” im Deutschen Bundestag im Rahmen der Diskussion eines Gesetzesentwurfs aufkam und man daraufhin die Herkunft des Wortes zu erklären versuchte.

Laut dem Autor Herbert Cerutti geht die “Milchmädchenrechnung” auf die Berliner Firma Carl Bolle zurück. Der Gründer hatte ab 1886 eine Molkerei auf der Alt-Moabit in Berlin. Mit Fuhrwerken und einer Glocke, die darauf aufmerksam machen sollte (daher kam auch der lokal geläufige Spitzname “Bimmel-Bolle”), fuhren mehrere Mädchen durch Berlin und verkauften die Milch an Hausfrauen. Der Legende nach hatte eines dieser „Milchmädchen“ nur sehr geringe mathematische Fähigkeiten, wodurch die Käufer sie mehrmals betrogen. Dank einer Rechenmethode konnte sie nicht nur Zahlen bis fünf, sondern auch bis zehn multiplizieren. Ob dies aber tatsächlich der Ursprung der “Milchmädchenrechnung” ist, mag man zumindest aktuell nicht vollständig erklären können.

Das Milchmädchen – ein fast vergessener Beruf

Ein Milchmädchen – oder je nachdem auch ein Milchmann oder Milchjunge – waren früher übrigens beinahe alltäglich. Denn als es noch keine Kühlschränke bzw. generell weniger Möglichkeiten zur Haltbarmachung gab, waren Verbraucher auf eine fast tägliche Lieferung angewiesen. Hier kamen die Milchmädchen ins Spiel.

Heute ist ein Lieferservice für Milch beinahe vergessen – zumindest für die meisten von uns. Die einzige Ausnahme hierzulande bildet das „Schulmilchprogramm“, das von der EU gefördert wird: Schulen können Milch und verschiedene Milcherzeugnisse wie Joghurt oder Quark erwerben, die sie ausgeliefert bekommen. Aber nur noch sehr wenige Einrichtungen nehmen daran teil.

In anderen Ländern – Indien zum Beispiel – ist die Lieferung von Milch mittels Milchmännern, -jungen oder -mädchen aber noch sehr viel verbreiteter. Der Grund liegt auch hier in den zum Teil fehlenden Kühlungs- und Konservierungsmöglichkeiten.

Weiterführende Informationen über den Begriff der “Milchmädchenrechnung”